Geschichte des I-SHIN

Vorwort: Der folgende Text versucht das I-Shin geschichtlich einzuordnen, sowie seine Ursprünge und Wurzeln zu erkunden. Der Text ist als schriftlicher Stammbaum des I-Shin zu verstehen und keineswegs als Text über die Geschichte der Kampfkünste. Da das I-Shin logischerweise aus der großen Entwicklungslinie der Asiatischen Künste des Kampfes entspringt, geht der Text bis zu deren Ursprüngen zurück, über die nur noch sehr wenige Informationen erhalten geblieben sind.

In Indien, dass allgemein als das Ursprungsland der östlichen Kampfkünste gilt, entwickelte sich aus traditionellen Tänzen sowie dem Yoga, psychophysiologische Systeme des Kampfes mit Armen und Beinen. Durch verschiedene geistige daoistische Einflüsse ergänzt, wurde die Kunst des Kampfes durch den viel reisenden buddhistischen Mönch Bodhidharma um 520 n. Chr. aus Indien nach China ins erste Shaolin Kloster gebracht.

Das Quanfa dieses Shaolin Klosters bildete die Grundlage für sehr viele der heute existierenden asiatischen Kampfkünste. Durch den starken Einfluss, den China seit dem 14.Jahrhundert auf die Insel Okinawa hatte, entstand grob gesagt, in der Vermischung der traditionellen Okinawanischen Kampfkunst Te (auch De) mit dem aus China importierten Quanfa (To) das Tode, dass prinzipiell den Kern aller modernen Karatestile bildet. Dieses Tode wurde seit dem 17.Jahrhundert praktiziert, also in Zeiten, in denen auf Okinawa das Tragen von Waffen und das Ausüben einer Kampfkunst nur den ansässigen Satsuma-Samurai vorenthalten war. Jeder, der gegen dieses Dekret verstieß, musste dies mit dem Leben bezahlen. Da sich die Okinawanischen Einwohner dennoch verteidigen mussten, wurden die Kampfkünste im Geheimen trainiert, wo sie sich zu immer effizienteren Formen der Selbstverteidigung entwickelten.

Einige Jahrhunderte später, im Jahre 1908 wurde auf Okinawa der spätere Begründer des alten Isshinryu-Karate Tatsuo Shimabuku geboren. Mit 8 Jahren begann er bei seinem Onkel Shuri-Te zu trainieren, um sich gegen seinen älteren Bruder zu verteidigen. Nach einer Zeit des intensiven Lernens bei seinem Onkel, begann er unter dem legendären Shorin-Ryu Meister Kyan Chotoku zu trainieren, bei dem er viele Kata und diverse taktische Weisheiten erlernte. Da Shimabuku sehr interessiert an unterschiedlichen Stilkonzepten verschiedener Meister war, ging er zu Sensei Choyun Miyagi, dem Begründer des Goju-Ryu, bei dem er stark chinesisch beeinflusste „weiche“ Kata lernte, da Kata in den klassischen Stilrichtungen den Kern der Ausbildung darstellten und man nur durch sie das jeweilige Konzept des Stils erlernen und entschlüsseln konnte. Ein weiter Meister von Tatsuo Shimabuku war Sensei Choki Motobu, ein sehr eigensinniger aber exzellenter Kämpfer, von dem er viele sehr effektive Techniken des Nahkampfes erlernte, wobei Motobus Stil eine Mischung aus klassischem Shorin-Ryu und Techniken aus dem Straßenkampf war. Shimabuku vollendete seine Ausbildung, indem er zu den beiden bedeutendsten modernen Kobudo-Meistern Yabiku Moden und dessen Schüler Shinken Taira ging, um in die Kunst der traditionellen Okinawanischen Waffen wie dem Bo, dem Tonfa und dem Sai eingeführt zu werden. Aus dieser langjährigen komplexen Ausbildung bei einigen der wichtigsten Karate und Kobudo-Meistern formte T. Shimabuku im Jahre 1954 das Isshinryu Karate, das übersetzt soviel wie „Weg des einen Herzens“, bedeutet.

Er entwickelte diesen Stil in der Kombination von weichen, noch stark chinesisch beeinflussten Formen des Goju-Ryu, mit harten geraden Formen des Shorin-Ryu, was sich auch in den Kata des Isshinryu Karate niederschlägt. Das traditionelle Emblem des Isshinryu zeigt eine japanische Wassergöttin namens Mizu-Gami, deren Unterleib die Gestalt einer Seeschlange einnimmt. Während sie ihre linke Hand geöffnet hat, als universelles Zeichen für ihre Friedfertigkeit, ist ihre rechte Hand zu einer Faust geballt, womit sie zeigt, dass sie im Falle einer Gefahr bereit ist, sich zu verteidigen. In dieser symbolischen Haltung sind somit zwei Grundprinzipien des Isshinryu-Karate verschlüsselt, die auch als Fundament des I-Shin bis heute von besonderer Bedeutung sind: das Bekenntnis zu absoluter Friedfertigkeit, Toleranz und Höfflichkeit auf der einen Seite, sowie die Fähigkeit zur konsequenten effektiven Selbstverteidigung auf der anderen Seite. Da die USA nach 1945 eine große Militärbasis auf Okinawa errichteten, wurden viele U.S. Marines ab 1955 Schüler von Meister Shimabuku. Einige dieser Schüler brachten das Isshinryu Karate in die USA, wo es sich rasch verbreitete und bis heute von zahlreichen Organisationen vertreten wird.

Nach dem 2.Weltkrieg, entwickelte sich, ausgehend vom Shotokan-Ryu Gishin Funakoshis, mehr und mehr das Turnier- oder Sportkarate. Dessen Wettkämpfe wurden und werden nur mit minimalen Kontakt geführt, was zur Konsequenz hatte, dass viele traditionelle Techniken aus dem Bereich der Selbstverteidigung, besonders des Nahkampfes, entweder gänzlich vergessen wurden oder nur in formaler Hinsicht, jedoch ohne jeden realistischen Ansatz, trainiert wurden. Diese Verstümmelung des traditionellen Karate führte jedoch nicht nur in technischer Hinsicht zu großen Verlusten in der Effektivität, im komplexen Technikrepertoire, sowie der ausgefeilten Kraftübertragung durch Kime, sondern vor allem zu einem Vergessen der tief im Karate verwurzelten und über alle Maßen wichtigen geistigen, ethischen und moralischen Werte. Auch das Isshinryu-Karate wurde durch das Weglassen vieler traditioneller Techniken wettkampftauglich gemacht, was konsequenter Weise mit dem Verlieren der traditionellen Kampfkraft bezahlt wurde.

In diesem Zusammenhang ist der Name Masutatsu Oyama (1923-1994) zu nennen. Er begann mit 9 Jahren das Chakuriki-System zu trainieren und versuchte sich später im Boxen, dem Ringen sowie dem Judo, wo er Träger des 4. Dan wurde. Nachdem er bei Gichin Funakoshi trainierte, verließ er dessen Dojo, da ihm der harte Körperkontakt fehlte und ging zum Goju-Ryu Karate, wo er binnen kürzester Zeit zum 4. Dan graduierte. Oyama war besessen von dem Ziel der absoluten Perfektion weshalb er sich für anderthalb Jahre allein in die Berge zurückzog. Als er diese Zeit der isolierten Meditation und des harten körperlichen Trainings beendet hatte, reiste er in die USA, wo er die Wirkungsweise seiner Kunst in unzähligen Schaukämpfen gegen andere Kampfsportarten und sogar gegen Stiere eindruckvoll unter Beweis stellte. 1955 gründete Oyama das Honbu des Kyokushinkai Karate in Tokio. Er setzte damit ein eindeutiges Zeichen für die Wirksamkeit des Karate, da das Training und die Wettkämpfe im Vollkontakt abgehalten wurden und somit viele der alten Techniken ihre Anwendung fanden.

In den Jahren darauf boomte der Vollkontaktkampf und viele Isshinryu-Karate-Ka wechselten zu den immer mehr bekannt werdenden Kyokushinkai-, Kickbox- und Thaiboxkämpfen.1973 bildeten einige dieser Isshinryu-Kämpfer das neue Ishinryu Karate, das viele kämpferische Einflüsse aus dem Kyokushinkai verarbeitete, trotzdem es zum Semikontakt eingeordnet wird. Einer seiner Begründer ist der Engländer Ticky Donovan (8.Dan). Unter seiner Leitung dominierte das Ishinryu Karate seit Anfang der achtziger Jahre die britischen Championchips in sämtlichen Kategorien. Auf Grund seiner Erfolge als Wettkämpfer, wurde Ticky Donovan zum Trainer der britischen Karate-Nationalmannschaft berufen, die er zu fünf Weltmeisterschaftstiteln in Folge führte. Einer seiner Schüler war Max Grunau (7.Dan Ishinryu Karate, sowie weitere Dan-Grade in anderen Karatestilen und im Judo), der sich jedoch von T. Donovan auf Grund unterschiedlicher Prioritäten trennte. Die fortschreitende Entwicklung des Karate in eine Sportart, entsprachen für Shihan Grunau nicht dem traditionellen Weg und der Intention des Karate. Aus diesem Grund entschied er sich dafür, seine Lehre und seinen Stil auf die traditionellen Ziele des Karate auszurichten, woraufhin er das Shindokan Ishinryu gründete. Dies brachte in geistiger Hinsicht die Betonung des klassischen Ideals der Vervollkommnung des Charakters mit sich, sowie in technischer Hinsicht die Wiedereinführung der Würfe als gleichberechtigte Technikgruppe neben Schlägen, Tritten und Hebeln. Basierend auf diesem Stilkonzept, sowie einer betont progressiven Sicht auf die Entwicklung und Erkenntnisse der Kampfkünste, sollte Shihan Max Grunau zu einem der wichtigsten Einflüsse für das I-Shin werden. Im Februar 1980 schließlich, stieß Shihan Bernd Hartmann auf eine kleine Karate-Trainingsgruppe im damaligen Ostberlin. Es ist sehr wichtig zu erwähnen, dass in der damaligen DDR lediglich Ringen, Boxen und Judo zu den anerkannten und gesetzlich erlaubten Kampfsportarten gehörten. Karate war streng verboten, was dazu führte, dass es nur im Ausland oder im Geheimen trainiert werden konnte. Der Begründer dieser Gruppe war Sensei Werner Trautner (6.Dan I-Shin). Dieser war Kampfschwimmer und späterer Offizier bei der Marine, der lange Jahre Judo und Boxen gelernt hatte. Da Karate im Gegensatz zur DDR, in Polen, der damaligen CSSR und Ungarn erlaubt war, erlernte Sensei Trautner in Polen und der CSSR, unter anderem bei Alex Ziolka, das Shotokan-Karate, sowie bei Verwandten in Ungarn das Kyokushinkai Karate und das Vollkontakt-Kickboxen. Diese verschiedenen Einflüsse stellten in ihrer Kombination den Kern für Sensei Trautners Karate dar, weshalb sie bis heute tief im I-Shin verankert sind. Ãœber einen Freund lernte er Shihan Max Grunau kennen, der daraufhin eine Weile in seinem Dojo trainierte. Da beide Meister Judo und Kyokushinkai trainiert haben, gab es viele Parallelen in ihrem jeweiligen Stil, was dazu führte, dass Sensei Trautner seinen Stil ebenfalls Ishinryu nannte, obwohl er wenig mit T.Donovans Ishinryu Karate gemeinsam hatte. Es ist nicht verwunderlich, dass bestimmte Gruppierungen des DDR Staatsapparats schnell auf die geheime Trainingsgruppe aufmerksam wurden. So mag es aus heutiger Sicht unglaublich klingen, doch was folgte waren Beschattungen, Verfolgungen und Verhaftungen der Mitglieder, die allein dem Zweck dienten, die Gruppe zum Aufgeben des Trainings zu bewegen. Trauriger Höhepunkt dieser Geschehnisse war der Tod von Nicos Apostolon Stolakis Hohlfeld (1.Dan) 1984, der, nachweislich falsch, offiziell als Folge eines Verkehrsunfalls deklariert wurde. Er wurde in der Nähe des damaligen Dojo begraben, um nie vergessen, immer in der Nähe seiner alten Karate-Gemeinschaft zu sein. Es ist nachvollziehbar, dass die Karate-Ka um Werner Trautner viele Gelegenheiten hatten ihre Kunst anzuwenden, was eine ständige Ãœberprüfung und Verbesserung der Wirksamkeit ihrer Techniken zur Folge hatte. Doch nicht nur in dieser Hinsicht stand das Erlernte auf dem Prüfstand. Sensei Trautner hielt nichts von einer starren Auffassung des Karate, wie sie in anderen Kampfkünsten praktiziert wird, vielmehr forderte er von seinen Studenten, ihr Wissen ständig zu erweitern, nicht zuletzt durch moderne Erkenntnisse der Sportwissenschaften und der Medizin.

Sein Schüler Bernd Hartmann (6. Dan I-Shin) setzte diese Verpflichtung zum konsequenten Lernen und Forschen um, in dem er mit Hilfe vieler Großmeister und Wissenschaftler die alten Techniken aufarbeitete und somit mehr und mehr den Weg des Stiles fand. 1989 gründete Shihan Hartmann mit Hilfe seines Meisters W. Trautner die WICKO Deutschland, als Dachorganisation des I-Shin-Ryu Karate. In den darauf folgenden Jahren führte die WICKO mehrere Vollkontakt Turniere durch und viele I-Shin kämpften auf internationalen Turnieren. Der Wettkampf war jedoch nie der Inhalt des I-Shin-Ryu Karate, da er auch im Vollkontakt stets zu einer Beschneidung der effektivsten Techniken führt, was immer Einbußen in der Wirksamkeit der Selbstverteidigung zur Folge hat. Seit dem Anfang der 90`er Jahre eröffnete Shihan Hartmann mehrere Schulen, die teilweise von seinen Schülern geleitet wurden. Die WICKO gedieh und viele I-Shin graduierten zu Dan-Trägern. Zum Ende der 90´er Jahre wurde das I-Shin-Ryu Karate dennoch auf eine harte Probe gestellt, da mehrere Schulen geschlossen wurden und viele Dan-Träger die WICKO verließen. Wie bei jedem überstandenen Tiefpunkt wächst man jedoch an den gemachten Erfahrungen, was auch bei der WICKO zu Veränderungen führte.

Seit 1999 führt Shihan Bernd Hartmann als Präsident die WICKO und leitet nun das Honbu des I-Shin in Florida. Seit 2002 nennt sich unser Stil rechtlich geschützt nur noch I-Shin, was sich aus dem chinesischen Wort „I“ (für geistige Kraft) und aus dem japanischen „Shin“ (für Wahrheit) als der Stil der wahren geistigen Kraft zusammen setzt. Die Kämpfer bzw. Studenten werden ebenfalls I-Shin genannt. Mit der Anerkennung unseres Stiles von vielen Großmeistern und seiner Anwendung bei verschiedenen staatlichen Organen im Bundesstaat Florida, USA, beweist das I-Shin seine Qualität, die sich eng am ursprünglichen Sinn und den Anwendungsbereichen des Karate orientiert. Grundlegend ist es uns jedoch wichtig, die Betonung nicht zu stark auf den Namen des Stils zu legen, da immer ein Mensch mit all seinen Vorlieben und Schwächen einen jeweiligen Stil vertritt und der gleiche Stilname von Meister zu Meister erfahrungsgemäß unterschiedlich interpretiert und mit Leben gefüllt wird. Diese letzten Endes charakterlich begründete stilistische Individualität eines jeden Meisters ist eine Tatsache, der im I-Shin durch eine komplexe Unterstützung im Finden des zum eigenen Selbst passenden Kampfstiles Rechnung getragen wird. Um es mit den Worten Bruce Lee´s zu sagen:

„Ein Name steht als Name und sagt nichts über den Kämpfer selbst aus, denn dieser steht stets für sich allein und muss zeigen was „er“ kann, in allen Bereichen!“

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